22.12.2014

Eine mathematische Lösung für das Wohnrechtsdilemma?




Kennen Sie den Alptraum, man fährt los auf einem Weg und hat ein bestimmtes Ziel vor Augen und während man versucht, sich dem Ziel zu nähern, ändert sich plötzlich der Weg. Diese Sequenz wiederholt sich mehrmals und so wacht man schließlich völlig erschöpft aber froh auf – zwar hat man das Ziel im Traum nie erreicht, aber man erkennt, dass es „bloß“ ein Traum war

Der Rhythmus kommt Ihnen dennoch bekannt vor? Sie suchen nach einem ähnlichen Muster in ihren Gehirnwindungen? – Stimmt, wer jetzt an die seit Jahren – man möchte fast sagen jahrzehntelangen - Wohnrechtsverhandlungen denkt, liegt nicht ganz verkehrt. Es mutet tatsächlich alptraumhaft an, wie viele Wiederholungen in der Wohnrechtsgeschichte immer wieder nach oben gespült werden, als ob es keine Entwicklung gegeben hätte. Forderungen aus dem Jahre 1900 erklingen, Ängste aus längst vergangenen Zeiten werden mit neuer Energie aufgeladen und man fragt sich – wenn alle finden, dass „Wohnen“ ein Grundbedürfnis ist, dass jedem zusteht, warum findet eine soziale Gemeinschaft dann keine passende Lösung für den Interessensausgleich? – Ich könnte mir vorstellen, dass es daran liegt, dass die meisten von uns mäßige Sympathien für Mathematik haben. Das verblüfft Sie jetzt? Nun mich hat es zunächst auch zum Erstaunen gebracht, aber mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass das österreichische Unbehagen (zumindest in den Kreisen des Wohnrechts) viel dazu beiträgt, dass wir vorhandene Lösungsmöglichkeiten gar nicht wahrnehmen. 

Seit ich neben dem mir bekannten und auch vertrauten Begriff „Dilemma“ das Tetralemma und die 5. Position kennengelernt habe, weiß ich das lösungsorientiertes Denken sowie das Einbinden von QuerdenkerInnen so manches bewirken kann. Manch emotional überladene Schublade lässt sich dann plötzlich öffnen und die Geister der Vergangenheit verschwinden und machen Platz ohne durch neue ersetzt zu werden.  Und damit kommen wir genau zum wunden Punkt der Wohnrechtsdiskussion, in dem es sehr stark darum geht, wessen Position gewinnt, wessen verliert.

Stellen wir uns vor, unsere wohnrechtlichen Divergenzen haben sich – wie durch ein Wunder - in Luft aufgelöst. Es entsteht plötzlich Platz für etwas Neues, an das zuvor niemand gedacht bzw das niemand bislang wahrgenommen hat. Allerdings taucht dann plötzlich eine neue Frage auf: Wohin mit all unsere Energie, die wir in die Aufrechterhaltung des Status Quo gesteckt haben. Gibt es dafür überhaupt eine konstruktive Verwendung? Die Wunderfrage hilft, herauszufinden, wohin die Reise geht und sie klärt auch deutlich auf, welche Haltungsänderungen notwendig sind, wenn tatsächlich eine Lösung angestrebt wird.

Anders als das Dilemma, in dem zwei einander widersprechende Pole einander gegenüber stehen und damit oft für eine gewisse Handlungsunfähigkeit sorgen, ermöglicht der Blickwinkel des Tetralemmas und dessen Negation drei ergänzende Denkschritte:
  1. das Sowohl-als-Auch
  2. das Weder-Noch
  3. die Negation = 5. Position
Die in der indischen Rechtsprechung bekannte Kategorisierung von Handlungen und Standpunkten, die durch ihre Prozessschritte zur Problemlösung beitragen können, wurde von Prof Dr. Matthias Varga von Kibéd und Dipl.Psych Insa Sparrer in ihrem gemeinsam geschriebenen Buch „Ganz im Gegenteil“ (erschienen im Carl-Auer-Verlag, 8.Auflage 2014, 256 Seiten) eindrucksvoll vorgestellt. In diesem wird ein breites und vielfach neues Feld von Interventionsmöglichkeiten vorgestellt, die nicht nur zum (Quer-)Denken anregen, sondern einen völlig neuen Blickwinkel auf Entscheidungssituationen erlauben.
Ein Buch, das ich als Urlaubslektüre uns allen in den Sackgassen der Dilemmas steckengebliebenen empfehle.