Der Rhythmus kommt Ihnen dennoch bekannt vor? Sie suchen
nach einem ähnlichen Muster in ihren Gehirnwindungen? – Stimmt, wer jetzt an
die seit Jahren – man möchte fast sagen jahrzehntelangen - Wohnrechtsverhandlungen
denkt, liegt nicht ganz verkehrt. Es mutet tatsächlich alptraumhaft an, wie
viele Wiederholungen in der Wohnrechtsgeschichte immer wieder nach oben gespült
werden, als ob es keine Entwicklung gegeben hätte. Forderungen aus dem Jahre
1900 erklingen, Ängste aus längst vergangenen Zeiten werden mit neuer Energie
aufgeladen und man fragt sich – wenn alle finden, dass „Wohnen“ ein
Grundbedürfnis ist, dass jedem zusteht, warum findet eine soziale Gemeinschaft
dann keine passende Lösung für den Interessensausgleich? – Ich könnte mir
vorstellen, dass es daran liegt, dass die meisten von uns mäßige Sympathien für
Mathematik haben. Das verblüfft Sie jetzt? Nun mich hat es zunächst auch zum Erstaunen
gebracht, aber mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass das österreichische
Unbehagen (zumindest in den Kreisen des Wohnrechts) viel dazu beiträgt, dass
wir vorhandene Lösungsmöglichkeiten gar nicht wahrnehmen.
Seit ich neben dem mir bekannten und auch vertrauten Begriff
„Dilemma“ das Tetralemma und die 5. Position kennengelernt habe, weiß ich das
lösungsorientiertes Denken sowie das Einbinden von QuerdenkerInnen so manches
bewirken kann. Manch emotional überladene Schublade lässt sich dann plötzlich
öffnen und die Geister der Vergangenheit verschwinden und machen Platz ohne
durch neue ersetzt zu werden. Und damit kommen
wir genau zum wunden Punkt der Wohnrechtsdiskussion, in dem es sehr stark darum
geht, wessen Position gewinnt, wessen verliert.
Stellen wir uns vor, unsere wohnrechtlichen Divergenzen
haben sich – wie durch ein Wunder - in Luft aufgelöst. Es entsteht plötzlich
Platz für etwas Neues, an das zuvor niemand gedacht bzw das niemand bislang
wahrgenommen hat. Allerdings taucht dann plötzlich eine neue Frage auf: Wohin
mit all unsere Energie, die wir in die Aufrechterhaltung des Status Quo
gesteckt haben. Gibt es dafür überhaupt eine konstruktive Verwendung? Die
Wunderfrage hilft, herauszufinden, wohin die Reise geht und sie klärt auch
deutlich auf, welche Haltungsänderungen notwendig sind, wenn tatsächlich eine
Lösung angestrebt wird.
Anders als das Dilemma, in dem zwei einander widersprechende
Pole einander gegenüber stehen und damit oft für eine gewisse Handlungsunfähigkeit
sorgen, ermöglicht der Blickwinkel des Tetralemmas und dessen Negation drei
ergänzende Denkschritte:
- das Sowohl-als-Auch
- das Weder-Noch
- die Negation = 5. Position
Die in der indischen Rechtsprechung bekannte Kategorisierung
von Handlungen und Standpunkten, die durch ihre Prozessschritte zur
Problemlösung beitragen können, wurde von Prof Dr. Matthias Varga von Kibéd und
Dipl.Psych Insa Sparrer in ihrem gemeinsam geschriebenen Buch „Ganz im
Gegenteil“ (erschienen im Carl-Auer-Verlag, 8.Auflage 2014, 256 Seiten)
eindrucksvoll vorgestellt. In diesem wird ein breites und vielfach neues Feld
von Interventionsmöglichkeiten vorgestellt, die nicht nur zum (Quer-)Denken
anregen, sondern einen völlig neuen Blickwinkel auf Entscheidungssituationen erlauben.
Ein Buch, das ich als Urlaubslektüre uns allen in den
Sackgassen der Dilemmas steckengebliebenen empfehle.